Mehr Leistung mit dem richtigen Sattelgurt!

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, woran ein passender Sattelgurt zu erkennen ist, wie und wo er am Pferd liegen sollte, was einen guten Gurt ausmacht und welche Auswirkungen ein nicht passender Gurt auf die Gesundheit und Leistung deines Pferdes hat? Leider wird diesem so wichtigen Ausrüstungsgegenstand von den Reitern bisher viel zu wenig Bedeutung beigemessen. In dem folgenden Artikel habe ich Wissenswertes aus Anatomie, Wissenschaft und meinen Erfahrungen zusammengetragen, um deutlich zu machen, wie ein guter, passender Sattelgurt zu einer besseren Verständigung mit dem Pferd beitragen kann. Wir kennen sicher alle die Bilder von Pferden, die beim Gurten deutliches Unwohlsein zeigen, indem sie die Ohren anlegen, mit dem Kopf schlagen, beißen oder sogar nach uns treten. All das sind deutliche Zeichen dafür, dass sie das Gurten als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfinden.

5 Fakten, die du über einen Sattelgurt wissen solltest:

1. Wissenschaftlich bewiesen: Ein passender Sattelgurt steigert die Leistung des Pferdes

Im Rahmen einer Studie aus England wurde nachgewiesen, dass direkt hinter den Ellenbogen und am Brustbein der größte Druck durch den Sattelgurt entsteht. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben die Wissenschaftler zusammen mit einer Sattlerei einen neuen Gurt entwickelt: Sie haben den Bereich direkt hinter dem Ellenbogen ausgespart sowie den Brustbeinbereich besser gepolstert und verbreitert. Das Resultat war beeindruckend: Der punktuelle hohe Druck im Ellenbogenbereich und am Brustbein nahm erheblich (um 76 bis 98%) ab. Des Weiteren waren die Pferde in der Lage, die vorgeführte Vordergliedmaße höher anzuheben (um 6 bis11%), mit den Hintergliedmaßen weiter nach vorn unterzutreten (um 10 bis 20%), die Karpalgelenke (um 4%) und die Sprunggelenke (um 3%) stärker zu beugen. Für mich belegen diese Zahlen eindeutig, dass der Gurt einen Einfluss auf die Mechanik des Pferdes hat, und zwar nicht nur im Rumpfbereich. Darüber hinaus hat diese Studie gezeigt, dass ein gut liegender Gurt das Wohlbefinden des Pferdes deutlich steigert.



2. Der Gurt sollte im Ellenbogenbereich ausgespart und im Brustbeinbereich weich gepostert sein

Der größte Druck entsteht hinter dem Ellenbogen in dem Moment, in dem das Pferd auffußt. Hier wird ein Hautreflex ausgelöst und durch ständigen Druck dauerhaft stimuliert. Dies kann zu einer Hypersensibilität in diesem Bereich führen. Den gleichen Reflex kannst du beim Putzen in der Gurtlage auslösen. Er ist daran zu erkennen, dass die Haut und der darunter liegende Muskel zittern. Nach mehrmaligem Darüberstreichen mit der flachen Hand sollte diese Reaktion nicht mehr gezeigt werden. Reagiert das Pferd jedoch weiterhin, kann es sein, dass dieser Nerv gereizt ist und dadurch Schmerzen verursacht.

Direkt unter der Haut liegt die oberflächliche Faszie. Dieses Bindegewebe umhüllt den ganzen Körper wie ein Taucheranzug (Die oberflächliche Faszie ist auch mit den tiefer liegenden Faszien verbunden, die sich u.a. in und um jeden Muskel herum sowie in allen Organen, Bändern, Sehnen, kurzum in allen Strukturen unseres Körpers, befinden.). Ist diese Faszie in ihrer Bewegung eingeschränkt, z.B. durch zu festes Gurten, kann sich dies negativ auf die Mechanik des ganzen Pferdes auswirken.

Der Hautmuskel, der direkt unter der Faszie liegt, ist in der Gurtlage am dicksten (1,5 bis 3 cm). Er ist (ebenso wie die Faszie) sehr reich an sensiblen Nerven und daher sogar in der Lage zu spüren, wenn eine Fliege am Pferderumpf sitzt. Der Hautmuskel kann dann lokale Kontraktionen (Zuckungen) auslösen, um die Fliege zu vertreiben. Dieser Muskel hat auch einen großen Einfluss auf die Bewegungen der Vorhand.

Der Gurt übt außerdem Druck auf die Bauchmuskeln aus. Diese haben eine wichtige Funktion, indem sie den Rücken aufwölben, für die Längsbiegung sorgen und damit ein weites Vorfußen der Hintergliedmaßen ermöglichen.
Die Schultergürtelmuskulatur (die Brustmuskeln und der gesägte Muskel) ist für die Stoßdämpfung wichtig, da sie den Rumpf hebt und das Vor- und Zurückführen der Vordergliedmaßen unterstützt.
Diese Muskeln benötigen genug Platz, um kontrahieren zu können. Behindern wir ihre Kontraktionen durch einen festgezogenen Sattelgurt, werden sowohl die Bewegungen der Vorder- als auch der Hintergliedmaßen eingeschränkt.

Der Sattelgurt beeinflusst sogar das Skelett des Pferdes. Er drückt auf das sensible Brustbein und die Rippen. Was das bedeutet, kannst du an dir selbst ausprobieren: Streiche einfach mit dem Finger mit etwas Druck über deine Rippen. Du wirst feststellen, dass das nicht sehr angenehm ist. Darum ist es so wichtig, dass der Gurt gut gepolstert ist und die Schnallen nicht auf den Brustkorb drücken. Zu festes Gurten kann außerdem ungünstigen Druck auf die Rippengelenke und das Herz ausüben.


3. Ein zu straffer Sattelgurt hemmt die Leistung

In Australien wurde eine Untersuchung durchgeführt, bei der Rennpferde mit 5, 10, 15 und 20 kg Spannung gegurtet wurden, um zu testen, ob der Sattelgurt einen Einfluss auf ihre Leistung hat. Um die Gewichtsangaben einordnen zu können, kannst du dir Folgendes vorstellen: Bei 5 kg Spannung liegt der Gurt locker am Rumpf, aber der Sattel ist nicht fest, er kann also rutschen. Bei 10 kg liegt der Gurt eng am Rumpf an und der Sattel liegt stabil. Alles, was 15 kg Gurtspannung überschreitet, ist sehr fest. Und bei 20 kg kannst du deine Hand nicht mehr zwischen Gurt und Pferd schieben. Der Gurt hinterlässt dann einen Abdruck am Rumpf.

Das Resultat lässt aufmerken: Bereits zwischen 5 und 10 kg Spannung wurde eine erhebliche Leistungsminderung (um 17%) gemessen. Zusätzlich ermüdeten die Pferde schneller. Mit höherer Spannung gegurtet, nahm die Leistung noch weiter ab. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Man vermutet einen Zusammenhang mit dem zu hohem Druck auf die Schultergürtelmuskulatur. Dadurch wird die Muskulatur in ihrer Kontraktion und/oder Dehnung behindert. Ebenso kann die Kompression im Bereich von Herz und Lunge diese beiden Organe in ihrer Funktion behindern und damit die Leistung beeinträchtigen.

Mein Fazit aus dieser Studie: Bitte immer so locker wie möglich gurten, aber natürlich so fest, dass die Sicherheit gewährleistet ist. In der Praxis wird der Gurt oft zu fest angezogen. Führen wir uns aber vor Augen, welche Strukturen sich unter dem Gurt befinden (u.a. Muskeln, Bindegewebe, empfindliche Rippen und Rippengelenke, Brustbein, Nerven und Blutgefäße), dann sollte deutlich werden, warum zu festes Gurten dem Pferd schadet. Man sollte auch bedenken, dass die Muskeln während der Arbeit kürzer und dicker werden, und sich der Druck im Lauf des Trainings daher erhöhen kann.

 

4. Das Geheimnis eines guten Sattelgurtes liegt in seiner Form - und der des Pferdes


Nicht nur ein nicht passender Sattelgurt kann zu einer Empfindlichkeit in der Gurtlage führen. In einer weiteren, amerikanischen Studie wurde festgestellt, dass viele Pferde von Geburt an in diesem Bereich empfindlich sind und es ihr Leben lang bleiben. Ist das der Fall, müssen wir auf jeden Fall darauf Rücksicht nehmen und für diese Pferde einen besonders gut gepolsterten Sattelgurt auswählen.

Wie bereits oben erwähnt, sollte ein guter Sattelgurt im Ellenbogenbereich ausgeschnitten und die Auflagefläche im Bereich des empfindlichen Brustbeins groß und weich sein.

Oft werden im Handel Sattelgurte mit elastischen Strippen an einer Seite angeboten. Ich persönlich bin kein Freund dieses Systems. Der Gummizug auf der einen und der starre Zug auf der anderen Seite führen zu einer unterschiedlichen Spannung am Rumpf, die dort zu Blockaden führen kann. Noch dazu befindet sich eine Nahtkante am Übergang des Gummis zum Leder oder Neopren, die für das Pferd sehr unangenehm sein kann.

Ein Kurzgurt muss so lang sein, dass der Ellenbogen beim Zurückführen des Vorderbeins nicht mit den Gurtschnallen in Berührung kommt. Um das zu verhindern, aber auch, damit die Sattelstrippen eine kürzere Auflagefläche auf dem Pferd haben, ist es mir am liebsten, wenn der Gurt fast bis zum Sattelblatt reicht (Die Sattelstrippen üben einen sehr hohen punktuellen Druck am Rumpf aus. Je kürzer der Gurt, desto länger ist ihre Auflagefläche.).

Die Gurtschnallen müssen beim Kurzgurt gut abgepolstert sein (oft mangelhaft bei Neoprengurten). Die Rippen sind, wie bei uns auch, beim Pferd sehr empfindlich. Drücken sich die Gurtschnallen durch, entsteht permanent ein unangenehmer Druck auf die Faszie, die Muskulatur und die darunterliegenden Rippen.


So bitte nicht!

Gurt ist viel zu kurz, es hemmt die Rückwartbewegung des Vorderbeins und es ist Schmerzhaft.

5. Die Gurtlage kann bei Pferden variieren

Der Gurt soll in der Gurtlage liegen. Diese kann allerdings bei den Pferden sehr unterschiedlich sein.
Versucht man, den Gurt weiter nach hinten oder nach vorne zu legen, als es die Gurtlage vorgibt, wird er (und mit ihm der Sattel) während der Reitstunde nach vorne bzw. hinten rutschen. Daher ist es wichtig, dass die Sattelstrippen gerade nach unten zur Gurtlage zeigen.

Nicht jeder Gurt passt zu jedem Pferd. Die Pferde haben unterschiedliche Gurtlagen und Rumpfformen; dies muss bei der Auswahl des Gurtes berücksichtigt werden. Leider sehe ich oft, dass die Gurtform nicht zum Pferderumpf passt. Das Resultat ist, dass der Sattel rutscht oder der Gurt unangenehmen, punktuellen Druck in der Gurtlage ausübt.

Mein Rat:
1. Die Gurtlage vor und nach jedem Reiten kontrollieren.
2. Rücksicht nehmen, wenn das Pferd deutlich zeigt, dass ihm das Gurten unangenehm ist.
3. Keinen Gurt mit Kanten wählen (Übergang Leder/Gummi).
4. Langsam angurten.
5. Kein einseitiges Gummi-/elastisches Material – es führt zu unterschiedlicher Spannung am Rumpf. Entweder beidseitig Gummi oder gar keins.
6. Beidseitig nachgurten, also den Gurt nicht immer auf der linken Seite anziehen. Wie bei den einseitigen Gummigurten entsteht eine unterschiedliche Spannung am Rumpf, die die Leistung beeinträchtigen kann.
7. Bei beidseitigen Gummistrippen nicht zu fest gurten (man tendiert bei diesen Sattelgurten schnell dazu!).

Quellenangaben:

1. Bower, J., Slocombe, R.F., 2005. Comparison of girth materials, girth tension and their effects on performance in racehorses. Australian Vet. Journal 83,68-74
2. Colbourn , G.R., Allen, R.J., Wilson R.J.R., Marlin, D.J., Franklin, S.H., 2008.Thoracic geometry changes during equine locomotion. Equine and Comparative Exercise Physiology 3, 53-59
3. Hoffman A.M.., Swanson, L.G.., Bruns, S.J. Kuehn, H., Bedenice, D., 2005. Effect of tension of the girth strap on respiratory system mechanics in horses at rest and during hyperpone induced by administration of lobeline hydrochloride. American Journal Vet. Research 66, 1167-1174
4. Murrey, R.; Guire, Russell Fisher, Mark: Fairfax, Vanessa. 2013. Girth pressure measurements reveal high peak pressures that can be avoided using an alternative girth design that also results in increased limb protraction and flexion in the swing phase. The vet. Journal 198 ,92-97
5. Wright, S., 2010. Girth tension and their variability while standing and during exersice. Physiology 7, 141-148